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Works

Sador Weinsčlucker, volle kraft voraus, 2026, oil on canvas, 80 x 100 cm
Sador Weinsčlucker, volle kraft voraus, 2026, oil on canvas, 80 x 100 cm
Sador Weinsčlucker, neulich aufgewacht, 2026, oil on canvas, 70 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, neulich aufgewacht, 2026, oil on canvas, 70 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, plan für morgen, 2026, oil on canvas, 80 x 130 cm
Sador Weinsčlucker, plan für morgen, 2026, oil on canvas, 80 x 130 cm
Sador Weinsčlucker, tag und nacht, 2026, oil on canvas, 30 x 90 cm
Sador Weinsčlucker, tag und nacht, 2026, oil on canvas, 30 x 90 cm
Sador Weinsčlucker, erlosung folgt, 2026, oil on wood
Sador Weinsčlucker, erlosung folgt, 2026, oil on wood
Sador Weinsčlucker, über die ufer, 2026, oil on canvas, 30 x 585 cm
Sador Weinsčlucker, über die ufer, 2026, oil on canvas, 30 x 585 cm
Sador Weinsčlucker, einer dieser tage, 2026, oil on canvas, 252 x 50 cm
Sador Weinsčlucker, einer dieser tage, 2026, oil on canvas, 252 x 50 cm
Sador Weinsčlucker, alles da, 2026, oil on canvas, 248 x 503 cm
Sador Weinsčlucker, alles da, 2026, oil on canvas, 248 x 503 cm
Sador Weinsčlucker, und die ganzen tage, 2026, oil on canvas, 255 x 355 cm
Sador Weinsčlucker, und die ganzen tage, 2026, oil on canvas, 255 x 355 cm
Sador Weinsčlucker, hol mich zuruck, altar, 2026, oil on wood
Sador Weinsčlucker, hol mich zuruck, altar, 2026, oil on wood
Sador Weinsčlucker, wieder von vorn, 2025, oil on canvas, 190 x 300 cm
Sador Weinsčlucker, wieder von vorn, 2025, oil on canvas, 190 x 300 cm
Sador Weinsčlucker, komm zu mir, 2025, oil on canvas, 25 x 45 cm
Sador Weinsčlucker, komm zu mir, 2025, oil on canvas, 25 x 45 cm
Sador Weinsčlucker, behalte nichts, 2025, oil on canvas, 70 x 140 cm
Sador Weinsčlucker, behalte nichts, 2025, oil on canvas, 70 x 140 cm
Sador Weinsčlucker, morgen neu, 2025, oil on canvas, 40 x 80 cm
Sador Weinsčlucker, morgen neu, 2025, oil on canvas, 40 x 80 cm
Sador Weinsčlucker, was das herz begehrt, 2025, oil on canvas, 80 x 120 cm
Sador Weinsčlucker, was das herz begehrt, 2025, oil on canvas, 80 x 120 cm
Sador Weinsčlucker, in trauter runde, 2025, oil on canvas, 100 x 170 cm
Sador Weinsčlucker, in trauter runde, 2025, oil on canvas, 100 x 170 cm
Sador Weinsčlucker, morgen so, 2024, oil on canvas, 30 x 60 cm
Sador Weinsčlucker, morgen so, 2024, oil on canvas, 30 x 60 cm
Sador Weinsčlucker, kurze begrussung, 2024, oil on canvas, 190 x 300 cm
Sador Weinsčlucker, kurze begrussung, 2024, oil on canvas, 190 x 300 cm
Sador Weinsčlucker, gutes naht II, 2024, oil on canvas, 26,3 x 36 cm
Sador Weinsčlucker, gutes naht II, 2024, oil on canvas, 26,3 x 36 cm
Sador Weinsčlucker, bis alles gut wird, 2024, oil on canvas, 120 x 170 cm
Sador Weinsčlucker, bis alles gut wird, 2024, oil on canvas, 120 x 170 cm
Sador Weinsčlucker, halte es fest, 2024, oil on canvas, 70 x 150 cm
Sador Weinsčlucker, halte es fest, 2024, oil on canvas, 70 x 150 cm
Sador Weinsčlucker, nur gucken, nicht anfassen, 2022, oil on canvas, 180 x 300 cm
Sador Weinsčlucker, nur gucken, nicht anfassen, 2022, oil on canvas, 180 x 300 cm
Sador Weinsčlucker, alles bereitet, 2021, oil on canvas, 200 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, alles bereitet, 2021, oil on canvas, 200 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, verborgene früchte, 2021, oil on canvas, 200 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, verborgene früchte, 2021, oil on canvas, 200 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, dreh dich nicht um, 2021, oil on canvas, 200 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, dreh dich nicht um, 2021, oil on canvas, 200 x 160 cm
Sador Weinsčlucker, kurze zeit dazwischen, 2020, oil on canvas, 140 x 120 cm
Sador Weinsčlucker, kurze zeit dazwischen, 2020, oil on canvas, 140 x 120 cm
Sador Weinsčlucker, immer woanders, 2020, oil on canvas, 140 x 150 cm
Sador Weinsčlucker, immer woanders, 2020, oil on canvas, 140 x 150 cm
Sador Weinsčlucker, mach die augen zu, 2020, oil on canvas, 130 x 180 cm
Sador Weinsčlucker, mach die augen zu, 2020, oil on canvas, 130 x 180 cm
Sador Weinsčlucker, lass es rein II, 2020, oil on canvas, 170 x 250 cm
Sador Weinsčlucker, lass es rein II, 2020, oil on canvas, 170 x 250 cm

Impressions

Biography

Sador Weinsčlucker

Photo: Oliver Mark

Born 1957 in Düsseldorf, lives and works in Berlin

Solo shows (selection)

2026

»an den ufern«, Galerie Z, Stuttgart

»alles ganz leicht«, Berghaus, Sundern

2025

»lange reise«, Galerie Tammen, Berlin

2024

»am rande der nacht«, Zagreus Projekt, Berlin

»ein tag gut«, Kunstsammlung der KSK Ravensburg

2023

»schau hin«, Gesellschaft bildende Kunst Trier

2022

»Der lange Schlaf«, Kunsthalle Brennabor, Brandenburg a.d. Havel

2021

»Der Weg nach innen und außen«, Kunstverein Ingolstadt

»Innen und Aussen«, Feinkunst Krüger (Hamburg)

2020

»warten auf jetzt«, Kunstverein Niebüll (Niebüll)

2019

»Reich wie die Nacht«, Galerie Franzkowiak (Berlin)

2018

»Da draussen - hier drinnen«, Feinkunst Krüger (Hamburg)

»Mal wieder auf Anfang«, St. Thomas Kirche (Berlin Kreuzberg)

2017

»an einem anderem tag«, Galerie Franzkowiak (Berlin)

Group exhibitions (selection)

2026

Positions 2026, Galerie Tammen, Berlin

»Bodenburg - Kunst mit und ohne Dach«

Stiftung Kunstgebäude Schlosshof Bodenberg, Bad Salzdetfurth

Art Karlsruhe 2026, Galerie Tammen, Berlin

2025

»All Together Now III«, Galerie Tammen, Berlin

»Encre Sympathique«, VogelArt Lab, Nizza, (curated by Thomas Zitzwitz)

Positions, Galerie Tammen, Berlin

»Horsing Around«, Feinkunst Krüger, Hamburg, (curated by Philip Grözinger & Paul Pretzer)

2024

»All Together Now II«, Galerie Tammen, Berlin

»Horsing Around«, Galerie Lake, Oldenburg, (curated by Philip Grözinger & Paul Pretzer)

Art Karlsruhe, Galerie Z 22, Berlin

2023

»All Together Now«, Galerie Tammen, Berlin

»25 Jahre Feinkunst Krüger«, Feinkunst Krüger, Hamburg

2022

»7. Roter Kunstsalon«, Museum Villa Rot, Burgrieden – Rot

2021

»Zeitgenössisches Blickfeld«, Museum Villa Seiz, Schwäbisch Gmünd

»wie bereits eingangs erwähnt«, BcmA Arts Projects, Berlin (curated by Peter Ungeheuer)

»ARTE Noah«, Kunsthalle Feldbach (AUT)

»Ein Fleck - Aan' Fleck«, Kunstraum am Schauplatz, Wien (AUT) (curated by Peter Funken)

2020

»Searching for Freedom«, Stadtgalerie Bad Soden

2019

»Geheimnis und Faktum«, Galerie Alte Schule Adlershof (curated by Christoph Tannert)

»Buchowska | Weinsčlucker«, Kunstverein Familie Montez (Frankfurt am Main)

2018

»Ein Turm von Unmöglichkeiten«, Salon Hansa, St. Agnes (Berlin)

»ARTE Noah«, Kunsthalle Feldbach (AUT)

»Demi-gros«, Safe Gallery, Les Valseuses (Berlin, curated by Peter Ungeheuer)

»Vier Schinken«, Zagreus Projekt (Berlin, curated by Peter Ungeheuer)

2017

»Alles oder Immer«, Schaufenster (Berlin, curated by Oliver Mark)

2016

»Les Miniatures«, Galerie Nicole Gnesa (München)

2015

»You can feel it«, Haus am Lützowplatz (Berlin, curated by Jonny Star)

»STILL LOFT«, Lage Egal (Berlin)

»Kitchen girls & toy boys«, Rush Arts Gallery (New York City, curated by Jonny Star)

1994

»Brandstätte«, Ballhaus (Düsseldorf, curated by Sador Weinsčlucker)

1993

»Licht«, Internationales Symposium, Kurische Nehrung (Nida, Litauen)

1992

»Perkela «, Contemporary Art Center Vilnius (Litauen)

Publications

lange reise

Von Peter Ungeheuer

Für seine erste Einzelausstellung in der Galerie Tammen, „lange reise“, hat Sador Weinsčlucker im Laufe des letzten Jahres 42 Arbeiten gemalt, in Fortsetzung und Weiterentwicklung zweier langjähriger Serien, offensichtlich zeitlose (Meeres-)Landschaften und dezidiert zeitgenössische Stillleben. Zwei Reisen, wenn man so will, auf die er sich vor vielen Jahren (im Falle der Stillleben auch mit einer längeren Pause), begeben hat und zu denen er uns einlädt, ihn ein Stück des Weges zu begleiten.

2024 hat er im Rahmen einer institutionellen Ausstellung in Süddeutschland begonnen, Landschaften und Stillleben gegenüberzustellen, besser gesagt zu verbinden, denn der Dialog ist ja beabsichtigt. Eine Verbindung, die auf den ersten Blick nicht schlüssig scheint: Auf der einen Seite stehen die monochromen Landschaften. Immer wieder neue Kombinationen aus Felsen, Wasser und dem Himmel, welche die menschenleeren Naturgewalten zelebrieren und aufgrund der Abwesenheit von Lebewesen, selbst menschlicher Spuren, zeitlos wirken. Inspiriert von persönlichen Erinnerungen, Filmen oder Photographien, mit meist mehreren Quellen je Arbeit, die der Maler neu kombiniert.

Auf der anderen Seite finden sich auf den durchaus farbenfrohen Stillleben Gegenstände wieder, die er im Atelier zusammenstellt und anschließend malerisch umsetzt, zu denen man auch den persönlichen Bezug förmlich spüren kann, weil er sie liebevoll porträtiert: Lebensmittel und Getränke, Geschirr, Besteck und Gläser, Werkzeuge, aber auch seine Malutensilien. Hier ist die Natur vollkommen abwesend, kein Fenster nach draußen, kein Himmel, nur Tische und Wände. Wenn man nun als Betrachter durch die Ausstellung geht, spürt man, dass die vermeintlichen Gegensätze sich anziehen: Farbigkeit und Farblosigkeit, Ferne und Nähe, Wärme und Kälte, Distanz und Vertrautheit, Drinnen und Draußen, Monumentalität und Verspieltheit.

Der für den Künstler nächste logische Schritt war es, diese beiden Serien in einer Arbeit zusammenzubringen, nicht nebeneinander, sondern recto-verso. Erstmals öffentlich zeigt Sador Weinsčlucker in dieser Ausstellung seine „Altarbilder“, wie er sie treffend bezeichnet. Natürlich sind sie in seinem Fall vollkommen säkulär, dennoch auf ihre eigene Weise zutiefst spirituell.

Er folgt hier der Tradition der Retabels, die auf oder hinter dem Altar aufgestellten oder gehängten Heiligenporträts oder Darstellung biblischer Szenen, meist mehrteilig als Polyptychon, und in Deutschland und den Niederlanden häufig als beweglicher Flügelaltar. Technisch folgt er dieser Tradition, mit der Ausnahme, dass er nur jeweils ein Bild auf den zwei respektive vier Platten malt und die mechanische Unterteilung somit ignoriert, fast wirkt es wie ein Blick aus dem geschlossenen Fenster. Er kombiniert hier vorder- und rückseitig Landschaftsbilder und Stillleben; die aufgeklappte Malerei ist stets doppelt so breit wie das Motiv im geschlossenen Zustand. Ungewohnt ist es für die meisten Ausstellungsbesucher, dass sie die Arbeiten selbst auf- und zuklappen können (und sollen), um sich ein eigenes Bild zu machen. Wenn wir dies tun, werden wir vom bloßen Reisebegleiter quasi zum Komplizen seiner Kunst.

Auf eines müssen wir auf dieser Reise allerdings verzichten: den menschlichen oder elektronischen Reiseführer, den Guide, der uns mit unnützem Wissen, Anekdoten, Jahreszahlen, Lokalprominenten und manchmal auch Trivialitäten zuschüttet. Die Bilder liefern uns hinreichend Spielraum, um eine eigene, persönliche Perspektive zu entwickeln. Ein kluger Reisender lernt ja nicht nur Land und Leute kennen; er oder sie lernt ja auch viel über seine Begleiter und sich selbst.

Von Reisen bringt man sich selbst oder anderen gerne ein „Souvenir“ mit, was aus dem französischen ungefähr mit „Erinnerung“ oder noch schöner „Andenken“ übersetzt werden kann. Aber genauso wie die unzähligen Smartphonephotos sind sie kaum ein tauglicher Ersatz für die Eindrücke und Erlebnisse, die man mit nach Hause bringt. Sie eignen sich für den Setzkasten, den Kühlschrank oder die Instagram-Story, aber nur bedingt für Herz und Seele als bleibende persönliche Eindrücke, die ja neben den unterschiedlichen Emotionen die oben beschriebenen vermeintlichen Gegensatzpaare umfassen.

Wann gilt eine Reise eigentlich als „lang“? Wenn das Heimweh größer als das Fernweh ist? Wenn sie besonders erholsam oder überdurchschnittlich beschwerlich ist? Der Weg ist das Ziel, meinte Heinrich Heine, zumindest wird ihm dieses Zitat zugeschrieben. Nicht das Ankommen, sondern die Eindrücke unterwegs machen den Reiz einer Reise aus, will suggeriert werden. Gerade deswegen scheint es geboten, den Künstler auf dieser Etappe seiner langen Reise zu begleiten. Ich bin schon im Reisefieber, nicht nur, weil gerade Urlaubszeit ist.

 

Geklärt und doch unfassbar

Von Christoph Tannert

Sador Weinsčluckers Serie 11 Momente dazwischen besteht aus elf Bildern im Hochformat von je 200 mal 160 Zentimetern, gemalt in Öl auf Leinwand in den Monaten Januar und Februar 2021.

In einer vielfältig gebrochenen Beziehung zur Faktizität beschäftigt sich der Künstler mit einer Analyse der Farbe im Spektrum von Schwarz, Weiß und Grautönen sowie mit dem Verhältnis von realiter Gesehenem und optisch Erscheinendem. Gegenüber früheren Arbeiten konstituiert sich dieser Ansatz risikofreudiger. Die Farbe, in kontrastreichem Hell-Dunkel inszeniert, bedingt eine düstere bis dringliche Atmosphäre und ist sowohl Auslöser wie Träger des bildnerischen Ereignisses.

Für den Wirklichkeitsausschnitt wählte Weinsčlucker einen Ausblick am Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg in Richtung Westen. Dort, im fünften Stock des Hauses Kollwitzstraße 64, hoch über den Baumwipfeln, unter sich der Kinderspielplatz am Denkmal für Käthe Kollwitz von Gustav Seitz, das Läuten der nahen Segenskirche im Ohr, wohnte der Künstler von Februar 2019 bis November 2021 in einem komfortablen Atelier mit einer elf Meter breiten Fensterfront samt Terrasse.

Für 11 Momente dazwischen hat der Künstler nachts räumliche Anordnungen der normalen Wohnumgebung, bestehend aus Kartons, Tisch, Stuhl und Sessel, komponiert und Fotos angefertigt, nach denen die Bilder entstanden. Sie muten an wie Stillleben-Arrangements, implizieren darüber hinaus etwas von einer Ortsrecherche mit symbolhafter Höhung. Das hinter die Terrassenbrüstung distanzierte Draußen befindet sich in einer gewissen Entrückung und ist in seiner Darstellungsoption zum Beispiel überhaupt nicht vergleichbar mit beliebten Bildern des Ostberliner Kunstgeschehens von vor 1989, etwa der berührenden Tristesse der Heimatkunde-Bilder von Konrad Knebel, den Knut Elstermann euphorisch als „Canaletto vom Prenzlauer Berg“ ehrte.

In ihrer Nüchternheit haben Weinsčluckers Bilder etwas von Schwarzweißfilmen, ohne im Sinne einer filmischen Bewegung analytisch berlinisch sein zu wollen. Weinsčluckers Sehen und seine Raumerleben sind allerdings durchaus filmisch geprägt, freilich frei von irgendeinem Anti gegen deutsche Heimatfilme oder das Schnulzenkino. Diese seltsamen Fensterbilder in ihrem magischen Licht könnten auch aus einer eingefrorenen Fünfziger-Jahre-Crime-Novel stammen und zugleich rangieren sie am metaphysischen Endpunkt aller Fensterbilder der Kunstgeschichte, dort, wo sich Sehnsüchte, Fernsüchte und romantische Projektionen in den Lockdown der Gefühle verschieben.

Weinsčluckers wichtigste Zutaten für seine absolut seelenlosen elf Wahnzimmer sind Ambivalenz und Irrationalität. Erst konfrontiert uns Weinsčlucker mit den schwer zu fassenden Empfindungen von Leere und stillgestellter Zeit. Dann lädt er uns zu innerer Emigration in der Gewissheit ein, dass bevor mit custom-made politics äußere Welten erobert werden können, zuvorderst innere erschlossen werden müssen. Wenn man das Ganze als Weinsčluckers Meditation betrachten würde, kommt einem spontan ein Foto von John Cage in den Sinn, Schwarz auf Weiß: der Meister, in sich ruhend vor dem Hojo-Garten im Nanzen-ji Tempel. Er sitzt nur so da und schaut.

Scheitern wir jedoch in der aufgeklärten politischen Lagebewertung, brechen sich Apathie und Widersinn Bahn.

Weinsčlucker ist avanciert an dem Punkt, wo er in ausgewählten Szenen aus seinem ästhetischen Debattenterrain unter den bundesrepublikanischen Schutzmaßnahmen des Jahres 2021 eine Welt entfaltet, die das dunkle Innen eines Wartenden an den projizierten Pforten des Paradieses zeigt. Denn Deutschland zählte – und zählt auch während der Pandemie und der parallel sich ereignenden Klima- und Migrationskrisen – zu den reichsten, stabil aufgestellten, finanziell solide auftretenden und vorsichtig navigierenden Nationen, trotz aller Pannen simultan getroffener EU-Entscheidungen.

Sador Weinsčluckers Bilder drücken Verlusterfahrung aus. Diese Verlustthematisierung wirkt an der Konstitution der Bildgegenstände mit. Es handelt sich um eine Zeitdiagnose, ohne dass es, bis auf die Angabe des Entstehungsjahres der Bilder, sonst einen Hinweis auf die Corona-Misslichkeiten, noch auf die „Verlustwut der Modernisierungsverlierer“ oder die „Verlustangst infolge des Klimawandels“, über die Andreas Reckwitz schreibt, geben würde.

Weinsčlucker legt ein Deutungsangebot vor, das gänzlich auf Verlassenheit und Stille orientiert ist. Es widerspricht dem praktischen Alltagwissen der Rezipientinnen und Rezipienten nicht, erklärt aber auch nichts. Die Bilder sind frei von jeglicher Literarisierung. Sie schweigen. Ihre Offerte liegt im Verweis auf die Abwesenheit von Aktion. Diese Gestaltkonstellationen überzeugen wegen ihrer Realitätsangemessenheit. Ob sie kulturkritisch stimmig sind, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Sie bestätigen ohne Frage die langen intellektuellen Thematisierungslinien der Verlustdiskurse seit Jean-Jacques Rousseaus Interpretation der Entfremdung oder Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes. Sie sprechen von der Endlichkeit unseres Seins, von der Lustlosigkeit auf jeglichen Aktivismus und sie sind darin wunderbar melancholisch. Vom Krach der Straße, dem Schreien und Schimpfen ist nichts zu hören.

Auf diesen Bildern treten weder Konfliktlinien in Erscheinung, noch wird der gegenwärtige gesellschaftliche Zustand vermessen. Wir werden elfmal eingesogen in ein Ambiente, das Ausdruck des Endes aller Illusionen ist. Die Emotionskultur dieser Bilder bildet die Rückseite der Unterhaltungskultur und basiert ganz auf den Modi der Malerei. Sie macht sich weder gemein mit Amüsierfetischismus noch mit Nörgellust. Ihr Anspruch leitet sich her aus einer sich selbst genügenden Malfreude. Trotz oder vielleicht sogar wegen allen Trübsinns. Ihr Treibmittel ist das formale Rüstzeug, nicht der politische Zweckpessimismus.

Diese Malerei will also im besten Fall innerhalb ihrer selbst beurteilt werden. Sie bebildert nicht das Zeitgeschehen. Sie ist, was sie ist und entwickelt ihre Konsequenz aus ihren malerischen Mitteln: Farbe, Leinwand und Struktur. Malpraxis und Reflexion über das Malen fallen zusammen. Sador Weinsčluckers bildnerische Resultate setzen sich zur gesehenen Wirklichkeit in Beziehung und untersuchen just in time die sprachlichen Möglichkeiten der Malerei.

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