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Rede zur Ausstellungseröffnung „In Rage. Michael Streun. Malerei“, Galerie Tammen, Berlin, 08.09.2023 von Christoph Tannert 

(...) Was der Schweizer Künstler Michael Streun uns unter dem Titel „In Rage“ zur Ansicht bringt, ist Malerei aus den vergangenen sechs Jahren. Im Jahr 2017 verbrachte der Künstler als Stipendiat der Stadt Thun ein halbes Jahr in Berlin – eine Zeit, die er rückblickend als enorm fruchtbar für sich einschätzt. Der Titel der Ausstellung lautet „In Rage“ und bezieht sich insbesondere auf das Phänomen der „Erregungsgesellschaft“, wie sie Peter Sloterdijk einleuchtend bezeichnet hat, die insbesondere durch Social Media befeuert wird und an der wir alle teilhaben.

Michael Streuns Bilder selbst sind nicht „in Rage“. Denn sie sind nicht als Kampfmittel irgendeiner Position angelegt, sie sind weder wahr noch falsch; sie stimmen – jenseits thematischer Logik – auf ihre eigene Weise. In den Bildern steckt keine Wut. Sie sind bildgewordene Materie-Wolken und Ausdruck der Zeit, Zeitgeist-Messer, die keine Prognosen abgeben auf unserem Weg ins Unglück. Wobei niemand so genau sagen kann, wo das Unglück liegt, ob vor uns oder doch eher in uns und wir es daher wohl auch nie loswerden.

Engagement und emotionale Distanz halten sich, wie auch in anderen Bildern Michael Streuns, die alle tiefe kunsthistorische Bindungen aufweisen, die Waage. „In Rage“ ist eine Ausstellung über Malerei und über Meinungsgräben, Umbrüche und Umwälzungen in der Gesellschaft, die sich vollziehen – ohne dass man vom Künstler belehrt wird.

Das Werk von Michael Streun wird charakterisiert durch Prinzipien des Realismus und durch das Wogen der Farbe. Der Künstler hat verinnerlicht, dass Farbe mehr ist als etwas in Tuben Gepresstes, Erstarrtes, nämlich etwas Fließendes, Fliehendes, mit dem Leben und der Realität Verknüpftes. Insbesondere an seinen feingeistig gearbeiteten Studien lässt sich ablesen, wie es ihm gelingt, durch die formale Gesamtanlage im kleinen Format jedes Bild in logischer, faktischer und formaler Hinsicht als Energiefeld der Farbe zu denken und zu empfinden. Die Farbe hat bei Michael Streun eine stimulierende und integrale Funktion. Sein Pinsel ist ein Enterhaken, er nimmt von Bild zu Bild von uns Besitz. 

Ob ein Bild funktioniert, ist immer eine Frage der Farbe. Sie verleiht auch den Bildern von Michael Streun ihren unnachahmlichen Spirit. Die Farbe hat ihn. Sie führt, sie zieht ihn förmlich über die Leinwand. Man kann sehen, wie dieser Maler ihrem Rinnen und Schlieren zusieht, wie er dem Farbfluss lauscht und ihn stellenweise moduliert, sodass Oberflächenzonen unterschiedlicher Dichte und mit verschiedenen haptischen Eigenschaften entstehen - bis in unerwartete Randzonen, die manchen Bildern etwas Strophisches geben, das die Blickrichtung neu justiert, wie ein mentaler Schub bei einem Diavortrag, wenn sich ein Dia ins nächste schiebt, wenn sich ein weiteres Fenster auf der Zeitachse öffnet, wobei offenbleibt, ob die Reise in Richtung Vergangenheit oder Zukunft geht und ob sich dabei die Dinge zum Guten oder zum Schlechten entwickeln.

Was den Realismus betrifft, so sei vorweggeschickt, dass Michael Streun von der Gesellschaftskritik, der Karikatur herkommt. Aber Plattitüden per Malerei sind seine Sache nicht. Abstraktion und Figuration stehen zueinander in einem wohltemperierten Verhältnis, ohne Beliebigkeit aufkommen zu lassen. Ihm geht es um innere Glaubwürdigkeit, was gut glückt, weil diese Bilder als Bilder funktionieren und nicht als Warntafeln. Auch interessiert Streun das Spiel mit den Topoi des Genres. Streuns Realismus ist, ohne dass auf seinen Hang zum Absurden in der Werkphase vor 2017 Bezug genommen wird, nur schwer deutbar. 

Streun sieht und argumentiert außerhalb der hergebrachten Alltageseffizienz und sog. „Richtigkeit“ von Seinsweisen. Sein Navigieren durch unerschlossene Universen verknüpft sich aktuell mit brisanten politischen Gemengelagen. (...)

 

 

Mario Schlachter, Kunsthistoriker, zur Ausstellung «Überdreht» von Michael Streun im Satellit.Space in Thun, 25.1.– 8.3.2023

(...) In der ersten Ausstellung des unlängst angebrochenen Jahres präsentiert der Kunstraum Satellit mit einer raumfüllenden Komposition ausgewählter Bilder das aktuelle Schaffen von Michael Streun. Gewissermassen als Triptychon formiert, lassen sich sowohl im zentral platzierten Werk ‹Überdreht›, welches in seiner rotierenden Dynamik scheinbar das benachbarte architektonische Kreisrund aufzunehmen scheint, wie auch den Flankierenden ‹Der Schacht› und ‹Warner› mannigfaltige Referenzen ausmachen. Gesellschaftliche Umwälzungen, wankende und sich auflösende Strukturen, omnipräsente Bedrohungen durch totalitäre, klimatische und pandemische Damoklesschwerter. Michael Streun hat sich dezidiert der figurativ-abstrahierenden Malerei verschrieben.

Aus einem fortwährenden Beobachtungsdrang von Alltag und Umwelt, reflektiert er das Zeitgeschehen und gesellschaftliche Entwicklungen. Wobei er bei der sukzessiven Formgebung des Gesamtbildes prinzipiell auf eine in bestimmender Manier eingeschriebene Thematik verzichtet – eine bewusste Eingrenzung stetig standhaft verweigernd. Streuns Gemälde eröffnen surreale Bildwelten, die, in einem ersten Augenschein abstrakt anmutend, nach und nach ihren symbolistischen Gehalt, insbesondere noch verstärkt durch die Präsenz figurativer, jedoch oftmals entmenschlichter Elemente, offenbaren. Formgewordene Dystopien und visualisierte Utopien mit ambivalenter Gültigkeit. 

Eine eruptive Genese erahnend, sind die monumentalen Gemälde von Michael Streun zwar durchaus auch seismografisch zu erfassen, jedoch in Analogie zum Malprozess stets geprägt von einer betonten Langsamkeit. Greifen dabei einerseits vor, werden aber indes vom Zeitgeschehen zwangsläufig auch laufend eingeholt. Motivisch verdichtet, findet sich in Konsequenz dessen stets eine Vielzahl von Überblendungen und Überlagerungen, sowohl in der Vielschichtigkeit der pigmentkomponierten Materialität wie der Existenz thematischer Bezugspunkte. Neben jener unruhigen, wie anrührenden Malerei – deren bedrohliche Untergangs-Szenarien und letztlich immer wieder ungehört verhallten Warnschreie mehr denn ein beklemmendes Gefühl der Resignation herrufen mögen – lässt sich in Streuns aktuellem Werkkomplex durchaus auch eine hoffnungsvolle Komponente ausmachen. Eine künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Realitäten, utopisch und dabei durchwegs politisch, mit potentieller Aussicht auf einen Silberstreifen am Horizont. (...)

 

 

Valentine Reymond, Direktorin Musée jurassien des Arts Moutier

«Michael Streun lässt sich nicht auf einen Stil festlegen und schafft Bildwelten, die starke Emotionen wecken. In seinen beiden Gemälden zum Thema «Umwälzung», beschäftigt er sich mit unserer turbulenten Zeit. Seine Figurendarstellungen gehen über die spezifische Personalisierung hinaus zum Universellen. Sie drücken eine Rebellion aus, ja sogar eine nahe Revolution, die den Verlust des gegenseitigen Respekts, das Aufkommen des Populismus oder die noch bestehenden alten Diktaturen anprangert.

Ausgedrückt wird das durch eine Malerei, die fliesst, die weint, wo sich die Figuren stellenweise auflösen, trotz ihres monumentalen Fundaments. Und was ist mit dieser dunklen Palette, die rosa oder grünlich schimmert? Drückt sie die Qual aus oder assoziiert sie den geisterhaften Aspekt dessen, was im Entstehen begriffen ist?»

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