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Abb. Jiny Lan, Die Krone, 2017-2018, Mischtechnik auf Leinwand, 140 x 200 cm

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Von der Wahrnehmung der Wirklichkeit zu ihrer Darstellung, vom Gedanken- in den Realraum, oder auch von einem Bild in ein anderes: Jede Form künstlerischen Ausdrucks geht aus medialen und mentalen Übersetzungsprozessen hervor. Ganz besonders ist dies der Fall in den multidimensionalen Bildwelten der Malerin und Aktionskünstlerin Jiny Lan, die zunächst auf dem Terrain der Performance ihre Laufbahn startete. 1970 in Xiuyan in der nordchinesischen Küstenprovinz Liaoning geboren, lebt Lan seit 1995 in Deutschland mit Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Bochum und Düsseldorf. Parallel hält sie sich regelmäßig in China auf, wo sie in Hangzhou an der China Academy of Fine Arts, Zhejiang, Malerei studierte. Die dort erlernten traditionellen Maltechniken sind bis heute Basis ihrer malerischen Praxis, in der die historischen und zeitgenössischen Kulturen Asiens und Europas sowie anderer Teile der Welt, gesellschaftspolitische Themen und persönliche Phantasmagorien, altmeisterliche und fotorealistische Stilelemente, das Plakative chinesischer Polit-Propaganda und des westlichen Warenfetischismus, scharfkantige Kontraste und traumartig-diffuse Vielschichtigkeit ineinanderfließen. Prominente aus Kunst und Politik – von Joseph Beuys bis Angela Merkel – sind wiederkehrende Sujets ihrer Bilder. Aus einem Ursprungsmotiv gehen ihre malerischen Kompositionen stets aus dem Vorhergegangenen hervor, das fotografisch festgehalten und als Print auf der Leinwand wieder übermalt wird. So birgt jedes Bild Spuren früherer Bilder, die sich weiterentwickeln, bis zur Unkenntlichkeit verändern, sich in der Übersetzung wandeln und etwas hinzugewinnen. 

Beim Transfer und der Amalgamierung von Bildern und Inhalten aus unterschiedlichen Zeiten, Kontexten, Wirklichkeiten und Orten in der übertemporalen, kulturübergreifenden Sphäre ihrer Malerei oszilliert Lan ständig zwischen den verschiedenen kulturellen Einflüssen und Prägungen – spezifisch denen als weibliche Kunstschaffende in einem noch immer männerdominierten Kunstbetrieb. Aber sie stellt sich auch gegen die Instrumentalisierung der Kunst „als Dekoration für Politik“, wie sie diese im kommunistischen Staatssystem Chinas erlebte. Malerei ist für sie Mittel der ungehinderten Positionsbestimmung und rigorosen Meinungsfreiheit: eine Perspektive der kritischen Analyse, die sich auf Herrschaftssysteme und festgefahrene Strukturen jeglicher Art richtet. Die Jahrhunderte umspannende, globale Unterdrückung von Frauen und deren Ausschluss aus Positionen der Macht schlägt sich auch in der mangelnden Anwesenheit von Künstlerinnen in den Annalen der Kunsthistorie und der Museumssammlungen sowie in geringerer Wertschätzung von deren Werken – sowohl ästhetisch als auch pekuniär – nieder. Insbesondere im Feld der Malerei sieht Lan „zu wenig Frauen an der Spitze“, da ihnen über weite Strecken immer wieder von ihren männlichen Kollegen das Talent dazu abgesprochen wurde. Deshalb ist für sie „die Malerei eine Performance“, mit der sie unwiderruflich unter Beweis stellt: „Frauen können malen.“ Pinsel und Farbe setzt sie dabei als Vehikel der Selbstermächtigung und der Mitsprache ein. 

Belinda Grace Gardner

 

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Abb. Jiny Lan, Der Schrei, 2021, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 140 cm

 

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Abb. Jiny Lan, Winter am Wannsee, 2021, Mischtechnik auf Leinwand, 140 x 200 cm

 

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