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Die Verwandlungen des urbanen Raums. Über die Arbeiten von Karsten Kusch

Die Verwandlungen des urbanen Raums sind Thema und Fokus der Zeichnungen von Karsten Kusch. Es sind Zwischenreiche zwischen Leerraum und Konstruktivität. Im prägnanten zeichnerischen Strich jedoch wird auch der nicht definierte Ort des Bildes, das Weiß des Blattes aktiviert und zu einem aktiven Mitspieler des Bildgeschehens. Der Bildgrund verändert sich selbst in seiner Farbigkeit durch die prägnant gesetzte farbige Linie. Die Zeichnung, die direkte spontane Bildhandlung, ist ein Energon, das immer auch die Energie des Zeichners mitschwingen lässt und der Impuls für die künstlerischen Arbeit von Karsten Kusch, und dies auch in seinen großen malerischeren Leinwänden mit ihrer wagemutigen Farbigkeit, die das Bekannte in ein anders-sehen, neu-sehen überführt.

Seit der Renaissance, die mit dem Begriff des disegno den kunstwissenschaftlichen Terminus ausformulierte, umreißt Zeichnung ein zweifaches Ansinnen an die Kunst und markiert damit auch das Spannungsfeld, in das sich unser Begriff von Kunst einordnet. Das lateinische Wort 'designatio' umfasst das Bedeutungsfeld von Bezeichnung, Begrenzung, Anordnung, Ernennung. Im italienischen 'disegno' tritt die Lesart 'räumliche Abgrenzung' zusammen mit der des Plans in den Vordergrund und bezeichnet so ein Konkretes und zugleich ein Geistiges. Die Zeichnung soll also etwas aus der Vielzahl der Erscheinungen auswählen und in eine neue räumliche Ordnung einfügen. Zugleich aber soll die Zeichnung etwas greifbar machen, was sich der Sichtbarkeit entzieht. Neben das neue (oder wiederbelebte) Gebot der Naturnachahmung (das das Gebot der Richtigkeit enthielt) stellt sich so das Gebot der Naturüberwindung.  Aus der Einbildungskraft des Künstlers hervorgehend, verwandelt sie die Erscheinungen, bringt Neues, noch nicht Realisiertes, also eine Idee, zur Anschauung. Disegno ist nicht nur das, was der Künstler entdeckt und nachbildet, sondern das was er entwirft.

In dieser neuen Auffassung wird das künstlerische Schaffen selbst problematisiert. Denn einerseits verlagert sie den Gegenstand der Kunst in die Außenwelt und manifestiert dadurch dessen Objekthaftigkeit, andererseits macht sie den Künstler erst zum Subjekt des künstlerischen Prozesses - und legt damit eine Distanz zwischen beide Pole. Diese beiden Pole, die Nachahmung und die Anverwandlung, die Individualität des Blickes, die Verwandlung des faktisch Gegebenen, z. B. im eigenwilligen Einsatz der Farbe, sind bei den Zeichnungen von Karsten Kusch immer in einem produktiven Dialog. Wir sehen Fixpunkte. Wahrzeichen Berlins: die Siegessäule in mehrfacher Wiederholung, in je anderer Farbigkeit, Beleuchtung, Atmosphäre und andere Monumente. Mitunter treten Popelemente hinzu, wie das merkwürdig personifizierte Signet von Cosy Wash oder ein Dagobert Duck – moderne Mythen gleichsam, die das Bildgeschehen aufreißen. Auch die Wiederholung des gleichen Motivs in je andere Farbigkeit ist eine Strategie der Pop Art, Andy Warhol machte die Wiederholung banale Dinge oder von zeitgenössischen zu seinem Markenzeichen – auch eine listige Untersuchung des Sehens im Zeitalter der ubiquitären Reproduzierbarkeit, der den Begriff des Bildes affiziert. 

In den Zeichnungen von Karsten Kusch wird in den sich perspektivisch ordnenden, energischen Linien, die auf das mitunter nur noch angedeutete Monument zuführen, vielleicht auch der Begriff des Denkmals selbst, das ja mit Musil gegen Aufmerksamkeit imprägniert zu sein scheint, diskutiert - und die Perspektive als symbolische Form, die Frage, welche Perspektiven wir auf die Welt haben, welche Projektionen und Verkürzungen wir ein- und vornehmen. Karsten Kusch zeigt Entwürfe, die die Welt nicht als unabhängiges Bild zeigen, sondern verwandeln. Damit und im Motiv der Wiederholung, im Motiv der Projektion kommunizieren die hier versammelten Arbeiten, reflektieren im Wechselspiel des Sehens Differenz und Relation.

Dr. Dorothée Bauerle-Willert

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