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Rede zur Austellungseröffnung von SAM GRIGORIAN und ANDREAS THEURER am 26. Oktober 2018 in der Galerie Tammen & Partner. Von Dr. Dorothée Bauerle-Willert

 

Lieber Andreas Theurer, lieber Sam Grigorian, lieber Herr Tammen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, der schönen Ausstellung ein paar Gedanken beifügen zu dürfen und danke herzlich für die Einladung zu den Arbeiten zu sprechen.

Auf den ersten Blick bringt die Ausstellung zwei unterschiedliche künstlerische Positionen zusammen, die dann doch Verbindungen, visuelle Korrespondenzen aufweisen und herstellen. Verbindungen ergeben sich beispielsweise in der Wahl des fragilen Materials Papier und seiner Bearbeitung: der Einsatz von Knicken und Faltungen, die beide Künstler ganz individuell vornehmen, stellt solche Brückenschläge vom einem zum anderen her. Auch ihr wagemutiges Spiel mit Perspektiven und ihrer Irritation ergibt solche Brückenschläge - mit dem Imaginären als Widerlager -  die das einsinnige Entweder - Oder der Medien und Vokabulare unterlaufen. 

Das Kunstwerk - nach einem Diktum von Picasso – „ist längst entlassen aus der schwachsinnigen Tyrannei der Gattungen. Es ist nicht länger dies oder das. Es ist!“ Erledigt ist die Gattungsfrage damit aber nicht; bis heute werden durch und mit dem je spezifischen Kunstwerk die Fragen nach Gattungen und Medien weitergetrieben, reflektiert und untersucht und  viele der interessanten gegenwärtigen Kunstwerke lassen sich nicht so einfach in einer Disziplin arretieren. Die Wahrnehmung von Kunst ist – auch – ein Wechselspiel zwischen vielfach geschichtetem medialem Material, ein Navigieren ohne vorab gesetzte Hierarchisierung.

Die Reliefs von Andreas Theurer, die wir hier sehen, sind Zwischenwesen, haptische Bilder. Dabei führt die Geschichte des Reliefs an die Anfänge von Kulturen zurück: das aus der Felswand wie aus dem Schlummer erwachende Volumen oder die eingehölte konkave Form sind der Beginn aller Skulptur - und, wenn wir dem Mythos folgen, liegt in dem aufgefüllten Schattenriss, der Zeichnung und Material verbindet, auch die Urform der Kunst  als Instrument der Wiederholung, der Vergegenwärtigung des Abwesenden, einer existentiellen Erfahrung. 

Erst später kommt die freistehende Skulptur zu ihrer dominanten Rolle - und seither kann man eine ständige skulpturale Doppelstimme zwischen der an die Fläche gebundenen und der freistehenden Form vernehmen - und es ist, als ob die Arbeiten von Andreas Theurer hier in der Ausstellung diese Doppelstimme wieder einmal erklingen lassen. Die Skulpturen und die Reliefs umspielen, erspielen jeweils das Verhältnis zwischen Raum und Fläche, zwischen Körper und Zeichen. Seine Figuren aus Wellpappe sind präzise aus diesem eher banalen Material gedacht. Als abstrakte Formen, aus geometrischen  Grundelementen entwickelt, changieren sie doch zwischen organischem Körper und kubischer Konstruktion und setzen so Wahrnehmung in Gang, öffnen sich zum Raum, gehen um mit dem zerbrechlichen Kontinuum, das unser Leben ist und reflektieren zugleich über die Setzungen der Kunst, über Material, Zeichnung, Bezeichnung, Malerei und Kontur. 

In seinen Double Visions, den Raumgebilden an der der Wand setzt Andreas Theurer seine Untersuchungen fort, nun mit Tableau-Objets, die Innen und Außen, Malerei und Skulptur, Anwesenheit und ihr Schatten ineinander kippen lassen und so die Wahrnehmung des einen oder anderen immer neu miteinander verknüpfen. Zugleich wird wiederum die Rückführung der Skulptur zum Wandobjekt wie die Aufsprengung der Zweidimensionalität des Bildes aus dem Material selbst entwickelt: Die Flächen­ der Pappe sind ja schon in ihrer Binnenstruktur eigentlich Reliefs, gesteigert durch die materiale Bearbeitung der Oberfläche, die dann durch Knicken, Falten in den Raum erweitert werden - Konstruktionen, die in der Bemalung der Fläche, in der in doppelter Hinsicht räumlichen Struktur der Objekte zwischen Bild und Skulptur changieren. Zugleich erkunden sie als Relief Übergangssphären zwischen Nahbild und Fernbild. Auch die Vorstellung ist ja eine Mischerin. Die Erfahrung von Kunstwerken kann nicht eindimensional gedacht werden. Der Betrachter im Raum mit all seinen Sinnen und Erfahrungen prägt die Wahrnehmung und fächert die mögliche Erfahrung in der zeitlichen und räumlichen Anschauung auf - und schließt den Fächer wieder zusammen. Bei Theurer wird gleichsam  der optische Effekt der Fernräume, übersetzt ins Relief, in den Innenraum selbst hineingezogen. Die Rhythmisierung des Raumes durch Räume, Anräume, geht über in eine Durchspielung des Raumes zwischen Bühne und Schneckenhaus, zwischen Schutzraum und Ausgesetztsein. 

Schon die Stelen im Raum oszillieren zwischen Leiblichkeit und Bild, scheinen ihre Volumina ins Imaginäre zu transponieren, sind nicht auf eine Sicht oder Deutung zu reduzieren. Es geht also in den Arbeiten weniger um einen feststellbaren Zustand als um Ambivalenz, die ja auch unser Leben prägt. Es geht um einen Vorgang, der die uneinholbare Prozessualität des Sehens, des Wahrnehmens einbegreift, der sich der Fixierung und Kontrolle entzieht. Die Erfahrung der zerbrechlichen Einrichtung der Welt, der Riss, ist Teil und Auslöser der Entwürfe, die je ein Feld von Möglichkeiten, von Fragen, von vorläufigen und doch präzisen Setzungen abstecken.

Auch Sam Grigorian jongliert souverän mit kunstgeschichtlicher Tradition, mit Medien und Kulturen, Geschichte und Schichtungen. Seine Collagen/Decollagen übertanzen Grenzen und Disziplinen. Zeichnung und Malerei, Farbe und Linie, Figur und Grund, Form und Spiel, Erkennen und Suchen verbinden sich in seinen unterschiedlichen Werkgruppen und in jedem Bild überkreuzen sich visuelle Energien und Impulse. 

In der Wiederverwendung und Wiederaneignung von alten, bereits bezeichneten Papieren wird das Bildgefüge zum Palimpsest, in dem sich unterschiedliche Schichten, Nuancen, Spuren des Lebens überlagern. Jede Arbeit ist gleichsam ein Sehgitter, das den Einfall einer neuen, vielschichtigen Konfiguration herstellt und die Wahrnehmung in ein konstruktives Sehen zwischen Farbe und Struktur, Collage und Decollage, Fläche und Raum hineinzieht. 

Und wie beim Relief klingen auch bei der Abstraktion ursprüngliche Möglichkeiten der bildnerischen Potentiale an. Schemata, das Ornament, die Musterung waren schon immer Facetten der Bildlichkeit, die dann im Vorstoß in die gegenstandslose Welt, in die integrale Abstraktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts Form und  Inhalt neu reflektieren und auf kühne Weise zur Deckung bringen. 

Im Prinzip der repetitiven Dichte, im Spiel der geometrischen Flächen, der Linien, der Farbe,  ihrer Nachbarschaften und kristallinen Ordnungen wird das Bild bei Sam Grigorian gleichsam musikalisch, gewinnt Rhythmus  und Takt, wird Neuschöpfung. Gerade in der Reduktion auf geometrisches Vokabular, auf konzeptuelle Recherche ergibt sich in der Anschauung immer wieder neu die komplexe, unauflösbare Erfahrung des Bildes, des Bildens zwischen Wiederholung und Differenz, Sukzession und Einmaligkeit. 

Sam Grigorian erkundet zugleich die Farbe im Zusammenspiel und im räumlichen Sehen: Das Vorne oder Dahinter, die Überlagerung und die Abfolge stellen sich wechselweise in Frage - und gerade dadurch werden Objektivität und Gewissheiten fraglich in der und durch die Anschauung. Mit diesem Brüchigwerden der Selbstsicherheit und mit der Relativierung der Wahrnehmung setzt eine Befragung ein, die - weit über das Bild hinaus - herkömmliche Beurteilungskategorien torpediert. 

Vielleicht ist alle Kunst ein Besuch von einem anderen Stern, so der Titel einer Werkgruppe Grigorians, die vielfarbige, kaleidoskopische Formen auf schwarzem Grunde schweben lässt.  In solchen Kunstwerken erfahren wir zunächst Fremdheit, Befremden, eine Wahrnehmung von Alterität, und „die ‚Andersheit‘, so der Literaturwissenschaftler Georg Steiner, „die in uns eintritt, macht uns anders“. Das fluktuierende geometrische Spiel verknüpft den Betrachter mit einer Sphäre jenseits der Dinge, reale Gegenwart der Betrachtung und ein Anderswo verbinden sich, klar und geheimnisvoll zugleich.  

Die Arbeiten hier in der Ausstellung zeigen Kunst als Gabe des Zusehengebens. Die Gabe der Kunst reicht weit über die Wiedergabe, die Abspiegelung der Welt hinaus. Was das Bild zeigt, ist ein Möglichkeitsfeld. Die Kunst öffnet einen Raum, der im Geschehen der Ent- und Verbergung ein anderes Verstehen erst ermöglicht. Diese Auffassung einer ursprünglichen Gabe in der Malerei impliziert bereits, dass das Kunstwerk keine bloße Wiederholung eines Außen ist. Das Außen und das Bild treten in ein komplexes Verhältnis. Die außerhalb des Bildes liegende Realität ist nicht der Maßstab des Bildes, ihr Anspruch reicht sozusagen nur lose in das Kunstwerk hinein. Das innerbildliche Geschehen aber wirkt als Sinnerschließung auf das Begreifen außerbildlicher Wirklichkeit ein. Das Verstehen außerbildlicher Wirklichkeit kann aus einem Übertreten von innerbildlicher Wirklichkeit in sein Außen schöpfen. In der bildlichen Darstellung ereignet sich etwas, das außerhalb des Kunstwerks unauffindbar, nicht wirklich gegeben ist. Was sich im Bild gibt und nur im Bild gegeben wird, wird dem Seienden als seine Wahrheit wiedergegeben. Kunstwerke sind ursprüngliche Wieder-Gabe, sie zeigen sich im Erblickt-Werden. Ihr Geschehen ist als Rahmen zu fassen, nur in ihren Erscheinungen ist sie greifbar. 

Aus Nachbarschaften, Berührungen, Überschneidungen entsteht ein gestalteter Raum, in dem Sinn/Inhalt erst zum Vorschein kommt als ein stummes Gespräch der Formen und Farben untereinander, als ein Erinnerungsangebot zurück zu anderen Werken oder sogar voraus zu Bildern, die wir noch nicht haben. Das Kunstwerk spricht aus sich, spricht sich aus, und ist eine Einladung, einzutreten in einen Raumort und als Gast an dieser vielstimmigen Konversation teilzuhaben.

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