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Wie Traumgesichte. Über die Arbeiten von Persis Eisenbeis

Wie Traumgesichte erscheinen die Bilder von Persis Eisenbeis und tatsächlich hat ihre Malerei viel mit Geschehenlassen, mit der Unwillkürlichkeit von Erinnerung und Traum zu tun. Jeder Traum hat einen Punkt, an dem er unergründlich ist, ist ein Verbindungsglied zum Unbekannten. Der Traum ist der Brennpunkt des subjektiven Universums und doch steht er in engstem Zusammenhang mit der schöpferischen Potenz, die das Unsagbare sagbar macht.

In Persis Eisenbeis werden irrlichternd die Fragen nach Grenzverläufen und Übertritten zwischen Illusion und Realität gestellt, sie sind Bild und Rätsel zugleich. Mit Witz, Phantasie und Weisheit, abgründig und hochfliegend variieren diese Gemälde die Bewegung zwischen den Polen, das Ineinander unterschiedlicher dramatischer Räume, sie eröffnen ein irritierendes Wechselspiel von ferner Nähe, naher Ferne, von Zeiten und Räumen. Harmlos sind diese Bilder nie – sie stellen meist junge Mädchen in das Bildzentrum, Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, in einem Transitorium. Sie können mit seltsamen Objekten hantieren oder in der Gesellschaft, in wundersamer Verwandtschaft mit Tieren kommunizieren. Es ist als ob unzensierte Botschaften aus dem Unterbewusstsein auftauchen, die dann im malerischen Prozess verwandelt Form werden. Wir sind eingeladen in ein freischwebendes von erotischen Energien durchsetztes Feld, wo die Gesetze der Vernunft scheinbar außer Kraft gesetzt sind.

Die merkwürdige Faszination, die verführerische Kraft dieser Bilder parodiert, verrückt den Sinn und lockt uns ins Spiel. In die Schönheit mengt sich Bedrohliches – so wie in jedem Märchen das Grauen und Versöhnung balanciert werden. Wir sind im Schatten junger Mädchenblüte, wie der zweite Band von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit heißt und oft sind diese jungen Mädchen, fremd und vertraut wie jede Kindheit, tief eingebettet in das Interieur, das zum Futteral der Figuren wird. Es sind oft kostbare Räume und zugleich Orte des Unheimlichen, ausgestattet mit üppigen Polstermöbeln, mit ornamentalen Tapeten, die sich hinter der Szene aufspannen. Der Bildgrund, das Ornament gibt ein sich meist wiederholendes, oft abstraktes oder abstrahiertes Muster, ist gemalte Mathematik, ein Spiel mit Form und Rhythmus, oft symbolisch, doch ohne eindeutige narrativer Funktion.

Wiederholung kennzeichnet auch den Traum und die Erinnerung – etwas wiederholt sich, wird wieder heraufgeholt, hervorgeholt aus den Tiefen des Gedächtnisses, und es ist ja nicht steuerbar, kontrollierbar, was wir träumen, was uns in der Erinnerung zufällt. Es sind verwandelnde Kräfte und Mächte – wie die Imagination, die über das Faktische ausschweift. Genau dies ist auch die Gabe der Kunst, die weit über die Wiedergabe, die Abspiegelung der Welt hinausreicht. Was das Bild zeigt, was diese Bilder hier zeigen, sind Möglichkeitsfelder. Die Kunst öffnet einen Raum, der im Geschehen der Ent- und Verbergung ein anderes Verstehen erst ermöglicht. Diese Auffassung einer ursprünglichen Gabe in der Malerei impliziert bereits, dass das Kunstwerk keine bloße Wiederholung eines Außen ist. Das Außen und das Bild treten in ein komplexes Verhältnis.

Das Ornament, das Persis Eisenbeis als Fond einsetzt, ist zudem der ältesten Kunstformen der Menschheit, Ornamente holen – wie der Traum - die Menschen tief in der Erinnerung ab. Zugleich weist das Ornament auf den Ursprung der Abstraktion, der hier wagemutig gegen den Realismus der Figur gesetzt ist und sich doch eigentümlich selbstverständlich mit ihm verwebt – und es ist als ob das Mostrare/Zeigen, das im Wort Muster steckt, zu einem Sich-Zeigen des Prozesses des Sehens wird.  In letzter Zeit öffnen sich die Interieurs zum Landschaftsraum, in dem sich ebenso geheimnisvolle Szenerien und Begegnungen abspielen. Persis Eisenbeis Verwandlung des Gesehenen, Geträumten, Imaginierten in Malerei macht das Verborgene in einem anderen Sinn ansichtig, weist auf die Geheimnisstruktur aller Dinge. Wir sind wie Alice im Wunderland, konfrontiert mit Paradoxa des Sinns, mit gefährlichen, einsamen Spielen. Diese Bilder dirigieren und transformieren das kollektiv Imaginäre und entziehen/verrücken fortwährend die Grenzen zwischen Realität und Phantasie. Es sind entgrenzende Schilderungen, die die Rätsel nie lösen, ein Verweis auf den Freiraum/Spielraum, der für die Kunst wesentlich ist.

In ihrer Malerei erkundet Persis Eisenbeis ganz frei und neu das uralte, vertrackte Verhältnis zwischen Vorbild und Bild, zwischen Mimesis und Schöpfung.

Dr. Dorothée Bauerle-Willert

 

Verdrängtes, Pathos und Ornament

Die 1969 geborene Künstlerin verbrachte ihre Schulzeit in der reformpädagogisch geprägten Summerhill Internatsschule in Leiston (Suffolk, England) sowie unter den avantgardistischen musikalischen Äußerungen solch bahnbrechender Bands wie Bauhaus, The Clash, Crass und Die Goldenen Zitronen. Das war der verwirrende Sound der Achtziger, geprägt durch Punk und melancholisch kaltblauen Synthie-Pop. Diesem Erbe verdankt die Ästhetik ihrer Bilder einiges. Man meint die Sounds zu hören. Ergebnis einer Jugendzeit mit Radio, Schallplatten, Musikkassetten, Filmen. In den entscheidenden Momenten spielt Musik, und wenn sie nicht spielt, dann kommt es einem so vor, als hörte man sie trotzdem.

Ihre Bilder haben viel mit Geschehenlassen zu tun. "Ich habe mir nicht so viel dabei gedacht." Ja, kann es denn sein, dass eine Künstlerin solche Bilder malt, einfach so? Auf die Form komme es an. Aber ihre Bilder, kleine Poesien der Einsamkeit, der Gemeinsamkeit, des Lebens – die verarbeiten doch bestimmt ihre persönlichen Erfahrungen? "Ich bin mir nicht so klar darüber, welchen Anteil mein Gemütszustand daran hat", sagt sie. Über Bilder denke sie nicht nach. Sie male sie bloß. "Die Fragen stellen sich, indem man etwas macht. Und macht man etwas, beantworten sie sich auch." Und dann taucht die Künstlerin wieder in ihre Bildbrunnen ein, tiefer und tiefer hinab. Verdrängtes, Pathos und Ornament, klar und perfekt ausformuliert, bilden einen speziellen Wirkmechanismus.

Eines muss man Persis Eisenbeis lassen: Sie weiß wie man einen Gang auf des Messers Schneide hinlegt. In ihren Bildwelten hausen Lakonie und Eigensinn, abgründiger Humor trifft auf ornamentale Untermalungen.

Persis Eisenbeis ist vorsichtig mit Worten, wenn es um ihre Arbeit geht. Sie ist sich sicher, Ihre Bilder finden sie, versuchen, durch sie hindurch zu dringen, „was nicht heißt, dass ich beim Malen meinen Kopf ausschalte“. Sie bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Andeutung und Eindeutigkeit. Die Serie „Gedankengang“ - das Gegenteil intelligenzbasierter Gefallsucht - ist ein farblich bestechender Mehrteiler und so etwas wie die emotional verdeckte Brutstation für all die Weltbehandlungen, die dann zwischen den Keilrahmen ausprobiert werden.

Mal setzt die Künstlerin geschmeidig an, mal scharf konturierend. Es gibt bei ihr die malerisch weich fließenden, im Nebulösen angesiedelten Bilder und die bissigen, kontrastreichen.

Häufig werden Begegnungen inszeniert zwischen hoffnungsvollen jungen Menschen und Tieren als ob sie über dunklen Wassern schweben. Unter ihnen ist Gefahr, dahinter zumindest ein Versprechen auf Rettung – durch das Ornamentale, welches sich als beruhigender, auffangender Hintergrund, durchaus auch als Kommentar zu den angedeuteten Grenzüberschreitungen zu erkennen gibt. Die Bildgewichtungen reizen auf vielschichtige Weise die Dynamik des Verschwisterten und Verschlungenen aus, während Persis Eisenbeis, auf Innerlichkeit bauend, aber nie sentimental (was das eigentliche Kunststück ist), zurückzukehren scheint zu Momenten ihrer frühesten Prägung.

Das Beste an diesen Bildern ist: sie sind nicht konfektioniert. Sie regen unsere Fantasie und Kreativität an.

Die Umgangsformen der Pubertierenden sind nicht die besten. Und wir wissen auch, woran es liegt: an den Märchen, an unbelehrbaren Schriftstellern, Künstlern, am Fernsehen, an Computerspielen, an popmusikalischem Aufruhr. Unzensierte Botschaften melden sich aus dem Unterbewussten zurück, kindlicher Sadismus darf aufglimmen. Leuchtet hier elterliche Schamesröte auf? Von wegen „Kinder brauchen Grenzen – diese Schablone politischer Korrektheit verwirft die Künstlerin zugunsten eines Plädoyers „grenzenloser Gedankenfreiheit“. Die Empörungswellen schlagen hoch, denn die kindliche Seele ist keineswegs rein und unschuldig, sondern von früh an gesättigt mit Aggressivität - oder sollten wir besser sagen: Vitalität?

Irritierend und famos zugleich, herausfordernd eben macht Persis Eisenbeis ihre Teenager zur Projektionsfläche des erwachsenen Autonomieideals. In diesem rousseauistischen Humus kann der kindliche Narzissmus prächtig gedeihen. Mit einer originellen Mischung aus Farbe und Spitzbüberei malt die Künstlerin an gegen die Tugendwächter. Sogar gegenüber Tieren wirkt die Macht des Bösen. Sie lässt es einem schwer werden um’s Herz im Angesicht der Dahingeschiedenen. Die Schönheit dieser Bilder fordert Opfer.

Es gibt in ihren Bildern atemberaubende Einblicke: „Mädchen und Goldfisch“ - eine stille, zeitverlorene Welt für sich. „Die Kartenlegerin“, Schnittmenge für das Persönliche im Erwarteten. „Drei Jungs“ – geknüpft an die Frage: wo endet kindliche Freiheit und wo beginnt Normierung? „Die Jungfrau“ – Ironisierung des Marlboro-Cowboys, ein Bild ohne Scham in der Durchdringung von Gefühl und Politik.

In vielen Bildern tritt das Ornamentale wie ein geheimnisvoller Vorhang in Erscheinung, eine meditativ ausformulierte Motivverkettung, nachdenklich und kostbar zugleich, aufgespannt wie gigantische, farbenprächtige Schmetterlingsflügel. Persis Eisenbeis nutzt das Ornament als Ursprung der Abstraktion und setzt es klug gegen den Realismus der Figuren.

Spannend zu erleben, wie die Künstlerin unseren Blick schärft für die keineswegs nur inhaltslos dekorativen, sondern immer auch vielschichtig semantisch aufgeladenen Abstraktionen. Ob organische Linie oder Geometrie, „primitives“ Erbe oder eigener Entwurf – gewildert wird in allen Gefilden, die komplexe Kosmen versprechen.

Die Ambivalenz dieser Bilder ist bewundernswert. Das Komponierte, formal Strenge, wirkt immer auch leicht und intuitiv, wie Traumstaub. Erstaunlich, dass bei aller Präzision und hellwachen Differenzierung eine fließende Leichtigkeit bleibt, selbst wenn die Rätselhaftigkeit ins Bedrohliche umzuschlagen beginnt.

Christoph Tannert

(Januar 2013)

Anmerkung

Sämtliche Zitate beziehen sich auf ein Gespräch zwischen Persis Eisenbeis und dem Autor, geführt am 17.01.2013.

 

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The Suppressed, Pathos and Ornament

The artist was born in 1969 and spent her schooldays at Summerhill, the boarding school based on reformist educational principles in Leiston (Suffolk, England), as well as being exposed to the avant-garde musical expression of such pioneering bands as Bauhaus, The Clash, Crass and Die Goldenen Zitronen. It was the confusing sound of the eighties, shaped by Punk and melancholy cold-blue synthie pop. The aesthetics of her paintings owe a lot to this legacy. We feel as though we can literally hear the sounds. The outcome of a youth spent with radio, records, music cassettes and films. Music plays at the decisive moments, and if it’s not playing, you still imagine you can hear it.

To a great extent, her paintings are about letting things happen. “I didn’t think about very much while I was painting.” But is it possible for an artist to paint such pictures, just like that? It all depends on the form. But her paintings, small poems of loneliness or togetherness, of life – surely they are based in some way on her personal experiences? “I am never quite certain what part my state of mind plays in them,” she says. She doesn’t think about images. She just paints. “The questions arise when you are doing something. And if you do something, they are answered, too.” And then the artist dips down into her well of images again, deeper and deeper down. The suppressed, pathos and ornament, clearly and perfectly formulated, constitute a particularly effective mechanism.

You have to give it to Persis Eisenbeis: she knows how to walk a very sharp knife edge. Her pictorial worlds are inhabited by laconicism and self-will, a place where fathomless humour meets with ornamental background.

Persis Eisenbeis is careful with her words when speaking of her work. She is convinced that her paintings find her, seeking to penetrate through her, “which doesn’t mean that I switch off my brain when I’m painting”. They function by balancing along a thin line between suggestion and clarity. The series “Thought Process” – the opposite to an intelligence-based need to please – is a several-part work using striking colours and something like an emotionally masked incubator for all approaches to the world, which are subsequently tried out between the canvas stretchers.

On some occasions the artist begins smoothly, on others by setting sharp contours. In her work we can find painterly, gently flowing images within the nebulous as well as trenchant ones rich in contrast.

She frequently stages encounters between optimistic young people and animals, seeming to float over dark waters. Beneath them danger lies, beyond there is at least a promise of rescue – by the ornamental, which is revealed as a calming, absorbing background; certainly as a commentary on the suggested border crossings. On many levels, the balance within the image exhausts the dynamics of the interrelated and the entwined, while Persis Eisenbeis - building on inwardness but never sentimental (which is the true art[istry] here) - seems to return to her earliest, shaping moments.

The best thing about these images is that they are not ready-made. They stimulate our imagination and creativity.

Those in puberty never display the best manners. And we know why, of course: it is because of fairy-tales, incorrigible writers, artists, television, computer games, it is because of the unrest triggered by pop music. Uncensored messages return from the subconscious, childish sadism is knowingly re-ignited. Is this the blush of parental shame? Never mind “Children need to know their limits” – the artist rejects this pattern of political correctness in favour of a plea for “unrestricted freedom of thought”. Waves of outrage crash against the shore, for the child’s soul is not pure and innocent by any means; it is permeated by aggression from the start - or should we say by vitality?

Simultaneously irritating and magnificent - challenging, in other words - Persis Eisenbeis makes her teenagers into a projection surface for the adult ideal of autonomy. Childish Narcissism can flourish splendidly in this Rousseauist soil. With an original combination of colour and mischief the artist paints away, working against the guardians of virtue. The power of evil is even effective against animals. She makes our hearts feel heavy in face of the departed. The beauty of these images demands sacrifices.

There are breathtaking moments in her images: “Girl and Goldfish” – a silent world of its own, lost in time. “begging the question: Where does childlike freedom end and the imposition of norms begin? “The Virgin” – an ironic view of the Marlboro cowboy, a shameless image with its permeation of emotions and politics.

In many paintings the ornamental resembles a mysterious curtain, a meditatively formulated chain of motifs, equally thoughtful and precious, opening out like gigantic, splendidly coloured butterfly wings. Persis Eisenbeis uses the ornament as the origin of abstraction and employs it cleverly, set against the realism of the characters.

It is exciting to experience how the artist sharpens our awareness of these abstractions, by no means merely decorative and without content, but always semantically charged on many levels. Whether organic line or geometry, “primitive” heritage or her own design – she poaches from any field that promise a complex cosmos.

The ambivalence of these images is admirable. Their composed character, their formal stringency, always creates a light and intuitive impression as well – like dreamdust. It is astonishing that a fluid lightness remains, despite all the precision and alert differentiation, even when the enigmatic quality of these images suddenly begins to turn into something threatening.

Christoph Tannert

(January 2013)

Note

All quotations refer to a conversation between Persis Eisenbeis and the author on 17.01.2013.

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